DAS GEHEIMNIS DES SONNENLOCHS - EIN "STONEHENGE" IN DEN SCHWEIZER BERGEN
?
Ein Forschungsbericht.
von Marco Bischof
copyright © Marco Bischof (Berlin) 1993.
Erschienen unter dem Titel "Das Geheimnis des Sonnenlochs", Esotera Nr.8, 1993, S.90-95.
EINLEITUNG
Eine dunkle, gezackte Bergkette mit einer einzelnen größeren Zacke, frühmorgens vor Sonnenaufgang.
Knapp unter dem Grat bricht plötzlich Licht durch den Berg und blendet den Betrachter. Diese Szene bildet
die Anfangseinstellung des Schweizer Filmes "Anna Göldin" von Gertrud Pinkus. Wie ein Symbol einbrechenden
Schicksals erscheint sie an mehreren Stellen in dem nach dem gleichnamigen Buch von Evelyne Hasler gedrehten Werk
über die letzte in der Schweiz hingerichtete "Hexe".
Das alpine Lichtschauspiel im 800-Seelen-Dorf Elm zuhinterst im Sernftal, wo der Kanton Glarus an Graubünden
grenzt, zieht jedes Jahr im Frühling und im Sommer einige Dutzend Schaulustige an. Der abgeschiedene, auf
1000 m über Meereshöhe gelegene Wintersport-Ort, aus dem die mehrfache Ski-Goldmedaillengewinnerin Vreni
Schneider stammt, hat trotz großer touristischer Anziehungskraft seine Ursprünglichkeit bewahrt. Zwischen
der kleinen Kirche aus dem 15.Jahrhundert und einfachen Holzhäusern erwarten sie morgens um halb neun den
Moment, an dem die Sonne durch das Felsenfenster des "Martinsloches" hervorbricht und für wenige
Minuten den Kirchturm und die Wiese neben dem Gotteshaus bescheint, bevor sie nochmals verschwindet und wenig später
endgültig über dem Bergkamm aufgeht. Bei seinem Durchtritt durch das Loch bildet das Sonnenlicht einen
sechszackigen Stern, während es kurz vorher und nachher, besonders bei dunstigen Wetter, zuweilen als ein
deutlich erkennbarer, 5 km langer Strahl sichtbar wird. Dieses bemerkenswerte Phänomen stellt sich jedes Jahr
am 12. oder 13. März ein, acht Tage vor dem Beginn des astronomischen Frühlings, und kann - wenn das
Wetter mitspielt - auch im Herbst am 1. oder 2.Oktober, acht Tage nach dem Beginn des astronomischen Herbstes,
zur gleichen Tageszeit beobachtet werden.
SEIT 300 JAHREN IN DER LITERATUR BESCHRIEBEN
Diese außergewöhnliche natürliche Sonnenuhr funktioniert seit Jahrhunderten mit hoher Präzision
- wie man es von der Schweiz erwarten würde - und hat bei Reisenden seit langem Aufsehen erregt. Eine Sage
berichtet über die Entstehung des 20 Meter hohen Felsentunnels in den Tschingelhörnern südöstlich
des Dorfes, der heilige Martin habe einst seinen schweren, mit einer eisernen Spitze bewehrten Stab nach einem
Riesen geschleudert, der seine Schafe stehlen wollte. Der Stab verfehlte sein Ziel und durchbohrte den Berg knapp
unter dem Grat. Wie man aus den vielen literarischen Zeugnissen schliessen kann, scheint das Phänomen in früheren
Jahrhundeten fast noch bekannter als heute gewesen zu sein. Es wird bereits in einer Reihe von teils noch lateinisch
geschriebenen Werken des 17.Jahrhunderts erwähnt und "berühmt" genannt, den ersten Zeugnissen
des gelehrten Alpentourismus. Zu ihnen gehört das berühmte Werk "Itinera Helvetiae Alpines Regiones"
(1723) des Zürcher Frühaufklärers und international anerkannten Gelehrten Johann Jakob Scheuchzer,
das zur Initialzündung für den späteren britischen Alpentourismus wurde. Ebenso fand es Eingang
in eine Reihe jener Beschreibungen von "Bildungsreisen" des 18. Jahrhunderts, die den Alpenenthusiasmus
begründeten. Von ihren Autoren waren vermutlich die wenigsten selber an Ort und haben einander tüchtig
abgeschrieben. Zu den Ausnahmen gehört der französische Naturforscher H.Besson, der das Tal 1777 besuchte
und dessen Werk "Handbuch für die Gelehrten und Neugierigen, die die Schweiz bereisen" (1786) das
Elmer Sonnenschauspiel beschreibt. Auf einer Zeichnung von ihm beruht auch der berühmt gewordene Stich von
Claude Niquet, der in den "Topographischen Tafeln der Schweiz" (1780-88) des Barons Zurlauben enthalten
ist. Auch verschiedene Reisebeschreibungen des 19.Jahrhunderts, wie z.B. die "Wanderstudien aus der Schweiz"
von Eduard Osenbrüggen (1874), versäumen es nicht, auf das Naturwunder hinzuweisen. Sein Ruhm drang in
dieser Zeit bis nach England, wo 1859 in der "Illustrated London News" ein Stich abgebildet wurde, dessen
Legende lautete: "Martinsloch und Segnespass in den Berner Alpen, vom Dorf Elm aus gesehen".
WEITERE BERG-SONNENLÖCHER IN DEN ALPEN
Hier liegt offensichtlich eine Vermischung mit einem anderen "Martinsloch" vor, das tatsächlich
in den Berner Alpen existiert. Solche Berg-Sonnenlöcher gibt es nämlich allein in der Schweiz an drei
weiteren Orten, und auch aus Österreich, vom Rande der Voralpen, ist uns eines bekanntgeworden. Das Berner
Martinsloch, auch "Heiterloch" genannt, befindet sich am östlichen Grat des Eigers im Berner Oberland
und lässt die Sonne zweimal jährlich, im Januar und im November - hier aber statt frühmorgens mittags
um 12 - auf die Kirche von Grindelwald fallen. Der Kanton Glarus hat ein zweites Loch, das "Mürtschenfenster",
aufzuweisen, das sich am Mürtschenstock südlich des Walensees befindet und die Sonne anfang Februar auf
den Bahnhofplatz von Mühlehorn fallen lässt. Für das vierte Schweizer Sonnenloch muß man nach
Bergün im Tal der Albula (Graubünden) reisen : das "Fora digl Ela" (Ela-Loch) am Grat des 3339
m hohen Piz Ela im Südwesten des romanisch sprechenden Dorfes wirft seinen Lichtstrahl zwischen Mitte Februar
und Anfang März und zwischen 15. und 20.Oktober aufs Dorf. Das Beispiel aus Österreich ist das "Drachenloch"
von St.Lorenz am Mondsee im Salzkammergut.
DIE ASTRONOMISCHE ERFORSCHUNG DES ELMER MARTINSLOCHES
Die systematische astronomische Untersuchung des Elmer Sonnenschauspiels wurde erst vor wenigen Jahren in Angriff
genommen. Sie verlieh dem Phänomen noch bemerkenswertere Züge und löste neues Interesse aus. Sie
ist vor allem das Verdienst des Schweizer Physikers und Amateur-Astronomen Hans Weber, der seit 1982 zudem nachweisen
konnte, daß auch der Mond und eine Reihe von Planeten und Fixsterne in regelmässigen Abständen
durch das Martinsloch auf die Kirche scheinen. Alle 18,6 Jahre leuchtet der Vollmond entweder im Frühling
oder im Herbst durch das Felsenfenster und trifft die Kirche am gleichen Tag wie die Sonne, aber 12 Stunden später.
Weber führte Berechnungen über alle astronomisch möglichen Ereignisse durch und konnte feststellen,
daß Mars alle zwei Jahre, Jupiter alle 24 Jahre, Saturn alle 30 Jahre und Venus alle 5 Jahre von der Kirche
aus durchs Martinsloch zu sehen sind. Sämtliche Sternbilder des Tierkreises erscheinen gemäß ihrem
Zyklus von 26 000 Jahren (dem "Platonischen Jahr") im Martinsloch. Vor 2000 Jahren ging die Sonne im
Martinsloch an der Frühlings-Tagundnachtgleiche im Sternbild der Fische auf; zurzeit liegt ihr Aufgang im
Loch im Sternbild des Wassermanns.
GAB ES EIN PRÄHISTORISCHES "OBSERVATORIUM"
AM KIRCHENSTANDORT ?
Diese außergewöhnlichen Eigenschaften des Kirchenstandortes legen die Vermutung nahe, daß dieser
Standort kein Zufall ist und wegen seiner astronomischen Eigenschaften gewählt wurde. Dies setzt jedoch voraus,
daß entweder die Erbauer des kleinen, 1493-1510 errichteten spätgotischen Gotteshauses den Platz aus
diesem Grund gewählt haben, oder daß die Kirche den Platz eines früheren, vorchristlichen Heiligtums
einnimmt, das aus diesen Gründen hier situiert war. Der Autor ist vor einigen Jahren von den örtlichen
Behörden beauftragt worden, abzuklären, ob es Beweismaterial oder Indizien dafür gibt, daß
eine oder beide dieser Vermutungen zu Recht bestehen. Die Arbeit steht nun vor dem Abschluß und ihre Ergebnisse
sollen zusammen mit Beiträgen anderer Autoren in einem Buch über das Elmer Martinsloch veröffentlicht
werden. Im Folgenden seien die vorläufigen Ergebniße zusammengefasst.
Leider ist wirklich überzeugendes Beweismaterial für eine solche Hypothese nur mit Mühe beizubringen.
Ausgrabungen am Ort der Kirche sind nie gemacht worden und die archäologische Fundlage ist für den ganzen
Kanton Glarus nicht sehr gut. Nicht viel beßer sieht die Situation bei den schriftlichen Dokumenten aus,
von denen viele beim Brand von Glarus im Jahr 1861 vernichtet wurden. Trotzdem lassen sich eine Reihe von Argumenten
dafür vorbringen.
ARCHÄOASTRONOMIE
Die Wissenschaft der "Archäo-Astronomie" hat gezeigt, daß bereits Stein- und Bronzezeitkulturen
über erstaunliche astronomische Kenntnisse verfügten und praktisch weltweit Bauwerke existieren, die
entweder als echte Observatorien für Himmelsbeobachtungen dienten, astronomisch ausgerichtet waren oder sonst
auf irgendeine Weise astronomische Bezüge aufweisen. Wohl berühmtestes Beispiel ist der Steinkreis von
Stonehenge, doch gehören dazu neben megalithischen Steinkreisen und Grabkammern auch Maya- und Aztekentempel,
nordamerikanische Medizinräder, ägyptische Tempel und Pyramiden und der kambodschanische Tempelkomplex
Angkor Wat. Die Einbeziehung astronomischer Bezüge gehört jedoch auch zu den Grundelementen christlichen
Kirchenbaus und setzte sich übers Mittelalter hinaus bis in die Barockzeit fort. Die Längsachse von vielen
Kirchen, wie z.B. des ursprünglichen romanischen Stephansdoms von Wien, wurde nach dem Sonnenaufgang am Festtag
des Kirchenpatrons oder an einem anderen kirchlichen Fest bestimmt. Manche Kirchen, wie z.B. die Michaelskapelle
im Erfurter Dom, enthalten zudem besondere Öffnungen, durch die an bestimmten Festtagen das Sonnenlicht einfiel
und bestimmte Stellen beleuchtete. Dies ist nicht zuletzt bei vielen sogenannten "Heidenkirchen" der
Fall, zu christlichen Kirchen oder Kapellen umgebauten vorchristlichen Bauten oder an Stelle solcher Heiligtümer
errichteten Gotteshäusern aus dem Frühmittelalter. Beispiele in Deutschland sind die Kapelle von Drüggelte
bei Soest und die Kirche von Belsen bei Tübingen.
BRONZEZEITLICHE ASTRONOMIE IN DER SURSELVA
Obwohl nun ein prähistorischer Vorgängerbau mit astronomischen Bezügen für die Elmer Kirche
bisherr nicht nachgewiesen werden konnte, befindet sich tatsächlich eine ganze Region mit solchen Bauten in
nicht einmal 15 km Entfernung (Luftlinie). Elm ist die letzte Siedlung an einem uralten Passweg, der über
den Panixerpass in die graubündische Surselva (Vorderrheintal) führt, wo am anderen Ende des Passweges
auf Terrassen und Felsköpfen über dem Talgrund eine ganze Reihe von bronzezeitlichen Siedlungs- und Kultplätzen
ausgegraben worden sind. Der bekannteste davon befindet sich zwischen Dorf und Kirche Falera, wo 1986 mehrere Reihen
seit langem umgestürzter Menhire wiederaufgerichtet wurden. Die Forscher Ulrich und Greti Büchi haben
in jahrzehntelanger Arbeit wahrscheinlich gemacht, daß nicht nur diese Steinreihen astronomisch ausgerichtet
und zur Bestimmung wichtiger Festtermine verwendet worden sind, sondern überdies ein System von astronomischen
Peillinien (Alignements) die Megalithanlagen des ganzen Tales miteinander und mit markanten Landschaftsmerkmalen
wie Bergspitzen verbinden. Wichtige Peilpunkte bilden dabei eine Reihe von Kirchen, die sämtliche auf vorchristlichen
Kultstätten errichtet sind.
Elm gehörte vermutlich zur Bronzezeit zum Einflußgebiet dieser surselvischen Siedlungen, da damals ein
wärmeres Klima herrschte als heute und die Alpweiden bereits bis über 2000 m hinauf bewirtschaftet wurden.
Im Gebiet von Elm liegen außerdem eine Reihe von Kupfervorkommen, deren Ausbeutung durch die surselver Bronzeleute
nicht ausgeschloßen werden kann.
WURDE MIT KIRCHENBAU EIN ALTES GESTIRNSHEILIGTUM VERDRÄNGT?
Um zumindest eine Hypothese zu bekommen, läßt sich aus einer Reihe von Hinweisen aus Geschichte, Siedlungs-
und Namensforschung usw. etwa folgendes Bild zusammensetzen. Der Standort der heutigen Kirche muß wegen dem
Paßweg, der Alpwirtschaft und vielleicht auch den Kupfervorkommen den Siedlern der Surselva bekannt gewesen
sein. Er liegt an der alten Paßstraße an einer Stelle, wo am Ende einer Steigung eine versumpfte Ebene
begann. Auf dem Weg nach oder von den Sonnenterrassen der Surselva muß dieser Ort, von hohen Bergen umgeben
und im Winter 4-5 Monate ohne jede Sonnenbestrahlung, den durchziehenden Bronzeleuten als finsterer, furchterregender
Ort voller Berg- und Erdgeister erschienen sein. In ihren Augen marrkierte der zweimal jährlich einfallende
Sonnenstrahl den Platz als heilig; vielleicht spielten auch die Mysterien des in der Gebärmutter des Erdinnern
heranreifenden Kupfers eine Rolle, so daß an dem Ort die Licht- und Feuerkräfte des Himmels sich in
einer "Heiligen Hochzeit" mit den dunklen Erdkräften vermählten. Man kann sich vorstellen,
daß der Ort noch nicht bewohnt war und nur als Kult-, vielleicht Initiationsstätte diente. Die Stelle
des Mysteriums, eine kleine Erhebung zwischen Sumpf und Steigung, war vielleicht künstlich aufgeschüttet
und von einem Ulmenhain oder einer einzelnen alten Ulme (Elm ist der "Ulmenort") gekrönt. Die beiden
Termine des Sonnenphänomens markierten Sommerbeginn und Winteranfang und konnten so zur Erstellung eines Kalenders
benutzt werden; derjenige im Frühling fällt nach dem vor 1800 benutzten julianischen Kalender mit dem
1.März, dem alten römischen Jahresanfang zusammen. An diesem Termin wurde traditionell auch das "Neue
Feuer" angezündet, das oft mit "Scheibenschlagen" verbunden war, einem in Graubünden und
im Nachbarort Matt heute noch geübten Brauch. Vielleicht gehörte zu diesem Kult-Komplex auch ein Stierkult:
der traditionelle Viehmarkt im Herbst wird auf einem Platz abgehalten, der sich am oberen Ende des Bereiches befindet,
in dem das Sonnenphänomen zu beobachten ist. Rituale zum Frühlings-Jahresanfang, in denen Sonnen-, Feuer-
und Stierkult vereint waren, wurden nach der amerikanischen Forscherin E.C.Baity in der frühen Bronzezeit
zusammen mit Neuerungen in Astronomie, Landwirtschaft, Viehzucht und Metallurgie von Erzprospektoren und -händlern
verbreitet, die aus Iberien und Böhmen kamen. In Elm wurde dieser vorindogermanische, dann keltisierte und
schließlich romanisierte Kultkomplex bei der Einwanderung der noch heidnischen Alemannen im 6.-9. Jahrhundert
wahrscheinlich germanisiert, bevor die Christianisierung die Gegend erreichte. Die Sage um den Heiligen Martin
könnte auf Reste einer Wotansverehrung deuten. Die Christianisierung, die hier um das Jahr 1000, wenn nicht
noch später erfolgte, und vor allem die Einführung der Reformation im Jahr 1528 haben jedoch die meisten
Spuren des Elmer Sonnenkultes vernichtet. Doch die Tatsache, daß die Elmer Bevölkerung bis 1798 die
Annahme des gregorianischen Kalenders verweigerte, und zwar mit der Begründung, daß dadurch die Sonne
nicht mehr an den richtigen Tagen durchs Martinsloch scheinen würde, zeugt von der hohen Bedeutung, die dem
Sonnenphänomen bis weit in christliche Zeit hinein beigemeßen wurde.
Diese Hypothese, zurzeit noch reichlich spekulativ, muß nun durch weitere Forschungen auf die Probe gestellt
werden. Vielleicht gelingt es ihr, jene Neugier oder jenen Widerspruch zu wecken, die Anlaß für neue
Untersuchungen werden könnten.
ALS ERSTES RESULTAT DER ERWÄHNTEN FORSCHUNGEN IST ERSCHIENEN:
Marco Bischof, Hans Weber, Günter P.Bolze, Hans Stopper, Albert Schmidt und Steve Nann: "Das Martinsloch
zu Elm. Die Region Elm/Glarus mit den Ereignissen im Martinsloch. Ihr touristischer Begleiter zum Elmer Phänomen
- astronomisch - alpinistisch - geologisch - kulturhistorisch". Verkehrsverein Sernftal, Elm/Glarus, Schweiz,
1996.
Das vollständige Bericht über die umfangreichen Forschungen des Autors zum Martinsloch ist bisher unveröffentlicht. |